Kastration – kritisch betrachtet

Als Hundebesitzer und Züchter werden wir häufig mit dem Thema „Kastration“ konfrontiert.
Wir stellten uns die Frage, warum überhaupt so viele Hunde beider Geschlechter kastriert werden.

Deshalb haben wir im Folgenden einige Artikel der Fachzeitschrift  zusammen getragen, die sich kritisch mit dem Thema Kastration aus rechtlicher und verhaltensbiologischer Sicht auseinander setzen.

Aus rechtlicher Sicht

“Beide Geschlechter verlieren durch die Kastration ihre Fortpflanzungsfähigkeit. Die Kastration ist nicht zu verwechseln mit der Sterilisation. Bei der Kastration handelt es sich folglich um die Entfernung von Organen.
Dies ist gem. § 6 Abs. 1 S. 1 TierSchG bei Wirbeltieren, zu welchen auch der Hund zählt, grundsätzlich verboten.
§ 6 Abs.1 S. 2 TierSchG sieht allerdings einige Ausnahmen dieses Verbotes vor, von denen drei dem Wortlaut nach bei der Kastration des Hundes einschlägig sein können:
1. § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 lit. a: bei ­gebotener tierärztlicher Indikation
2. § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 5 Alt. 1: zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung
3. § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 5 Alt. 2: zur weiteren Nutzung und Haltung des Tieres“
(Susan Beaucamp)

“In Fällen tiermedizinischer Indikation ist eine Kastration gerechtfertigt.
Der bloße Wunsch nach einer ­leichteren oder einfacheren Haltung reicht grundsätzlich nicht aus, vor allem dann nicht, wenn es andere zumutbare Mittel gibt, einen Hund weiter halten zu können.“
(Lars-Jürgen Weidemann)

Aus verhaltensbiologischer und medizinischer Sicht

Kastration des Rüden

“Wie eine Befragung der Hundehalter im Rahmen der „Bielefelder Kastrations­studie“ (Niepel, 2007) ergab, stellt unerwünschtes ­Verhalten den häufigsten Grund für eine ­Kastration dar (74%), gefolgt von 30% der Befragten, die Haltergründe, also bspw. das Zusammenleben von Hündin und Rüde in einem Haushalt angaben. Nur bei 21% der Hundehalter spielten medizinische Überlegungen eine Rolle. (Da auch Mehrfach­nennungen möglich waren, ergeben sich insgesamt über 100%).“
[…]
„Die Geschichte der Kastration des Rüden ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Noch immer hält sich bei vielen Tierärzten, Trainern und Hundehaltern hartnäckig der Glaube daran, dass die ­Kastration ein chirurgisches Wundermittel bei unterschiedlichsten Verhaltensproblemen darstellt. Doch eine Kastration kann niemals eine vernünftige Verhaltenstherapie ersetzen, und viele Probleme, die mit den Sexualhormonen – in diesem Fall mit dem Testosteron – in Verbindung gebracht werden, stammen aus völlig anderen Funktionskreisen und lassen sich durch eine Kastration überhaupt nicht beeinflussen, wie Tierärztin Sophie Strodtbeck und Verhaltensbiologe Dr. Udo Gansloßer betonen.“
[…]
„Sehr weit verbreitet ist immer noch der Glaube, dass man durch eine Kastration Aggressionsverhalten beseitigen kann. Dies ist allerdings nur in ganz seltenen Fällen ­gegeben und bedarf einer genauen und ­differenzierten Analyse des gezeigten Ver­haltens, da es <> per se nicht gibt. Aggression ist vielmehr ein Mehrzweck­verhalten, das immer mit der Be­seitigung störender oder als gefährlich eingestufter Umwelt­einflüsse im Zusammenhang steht.“
[…]

Fazit: Kastration des Rüden

„Eine ­Kastrationsempfehlung lässt sich nicht pauschal aussprechen, es sollten immer die Ursachen der Verhaltensauffälligkeiten genauestens analysiert werden, um die gezeigte Problematik nicht weiter zu verschärfen.“
(Udo Ganslosser)

Kastration der Hündin

“Medizinische Gründe werden bei der Kastration der Hündin – im Gegensatz zu der des Rüden – mit 81% als häufigste Indikation für diesen Eingriff angegeben, gefolgt von Haltergründen mit 64%. Verhaltensprobleme machen bei der Hündin hingegen gerade mal 14% aus (Mehrfachnennungen waren möglich).“
[…]
„Die medizinischen Gründe für die Kastration der Hündin sind die Prophylaxe von Gebär­mutterentzündungen, Gesäuge­tumoren und von Problemen, die im Zusammenhang mit der Scheinträchtigkeit, die korrekterweise als Scheinmutterschaft bezeichnet werden muss, auftreten können.“

Gesäugetumore

“Häufig wird eine Statistik aus dem Jahre 1969 (Schneider et al., 1969) herangezogen, als belegt wurde, dass das Mammatumorenrisiko bei Kastration vor der ersten Läufigkeit gegenüber unkastrierten Hündinnen 0,5 % beträgt, bei einer ­Kastration nach der ersten Hitze 8 %, und bei später ­kastrierten Hündinnen bei 25 % liegt. Dies lässt sich mit dem zyklusabhängigen Einfluss der Geschlechtshormone auf das Ge­säuge erklären.
Was aber normalerweise nicht dazu gesagt wird, ist die Frage, wie viele Hündinnen denn überhaupt von Gesäugetumoren befallen werden.
Je nachdem, welche Altersgruppe und welche Studie man heranzieht, sind etwa nur 0,2 – 1,8 % aller Hündinnen überhaupt von einem Gesäugetumor betroffen, und bei einer früh kastrierten Hündin wäre dieses Risiko also 0,01 – 0,09 %, bei später kastrierten 0,05 – 0,5 %.“

Dies bedeutet also, dass von 1000 Hündinnen 2 bis 18 Tiere überhaupt einen Gesäugetumor bekommen. (Frühkastriert – 0,1 bis 0,9 Hündinnen; Spätkastriert – 0,5 bis 5 Hündinnen.)

“Bei diesem geringen tatsächlichen Risiko der Erkrankung muss man sich daher fragen, ob das Thema Tumorprophylaxe einen alleinigen Grund für eine Kastration darstellen darf. Dies insbesondere auch, zumal es eindeutig nachgewiesen wirksamere (und im Gegensatz zur Kastration nebenwirkungsfreie!) Prophylaxemaßnahmen gibt. So sind beispielsweise der Verzicht auf allzu proteinhaltige Ernährung, der Verzicht auf hormonelle Läufigkeitsunterdrückung, sowie ein gutes Gewichtsmanagement, vor allem im ersten Lebensjahr, zu nennen. Denn bei Hündinnen, die bereits im Alter von 9–12 Monaten übergewichtig sind, ändert auch eine Kastration nichts mehr am Tumorrisiko!“

Gebärmutter-Eiterung (Pyometra)

“Im Falle einer Pyometra gibt es zwar auch medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten, aber die Kastration mit Entfernung der erkrankten Gebärmutter stellt das Mittel der Wahl dar. Aber rechtfertigt das Risiko, dass die Hündin irgendwann an einer Gebärmuttervereiterung erkranken könnte, eine Kastration, also die präventive Entfernung eines gesunden Organs? Der Gesetzgeber sagt im Tierschutzgesetz ganz klar nein, denn es gibt nur zwei Ausnahmen, in denen eine Kastration zulässig ist: erstens die Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung (hier ist die Nutztierhaltung gemeint!) und zweitens, um die Haltung eines Tieres zu ermög­lichen. Beides ist hier nicht gegeben!“

Das „Problem“ mit der Scheinträchtigkeit / Scheinmutterschaft

“Die tatsächliche Scheinträchtigkeit beginnt am Ende der Läufigkeit, also dann, wenn der Deckakt erfolgt wäre, und dauert, wie eine echte Trächtigkeit auch, 63 Tage. Danach folgt die heute meist fälschlich als Scheinträchtigkeit bezeichnete Scheinmutterschaft, also die Zeit, in der sich die Hündin um die Welpen kümmern und sie säugen würde.“
[…]
„Während der Scheinmutterschaft kommt dann das Eltern­hormon Prolaktin zum Zuge. Dieses ist verantwortlich für die Ausbildung des Gesäuges, die Milchproduktion, das Bauen von Nestern bzw. ­Wurfhöhlen, das Behüten und Bemuttern von Stofftieren und anderem. All das sind also rein physiologische Verhaltensmuster.“
[…]
„Eine Kastra­tion zur Vorbeugung ist also nur in den Fällen erfolgversprechend, bei denen es sich um regelmäßiges, ­zyklusbedingtes Verhalten handelt.“
[…]

„Ebenso ist bei Hündinnen, genau wie beim Rüden, aus verhaltensbiologischer Sicht eine Kastration vor dem Ende der (Verhaltens-!) Pubertät nicht anzuraten. Gerade die Östrogene tragen in der Pubertät wesentlich zum Umbau und der daraus resultierenden Reife von Gehirn und Verhalten, und damit zum Erwachsenwerden, bei.“

Fazit: Kastration der Hündin

“Aus verhaltensbiologischer, wie auch aus tierschützerischer Sicht, ist eine vorbeugende ­Kastration auch bei der Hündin nicht ­grund­sätzlich zu ­befürworten. Die ­ge­sund­­heitlichen Probleme, die sich nach der ­Kast­ration einstellen ­(können), wie etwa I­nkontinenz, aber auch ­Störungen des Mineralstoff­wechsels und der ­Skelettbildung bei ­Früh­kastration während des ­Wachstums, dürfen nicht ­unge­nannt bleiben. Und das ­Argument der Stress­re­duktion für die Hunde, die ja doch nicht zum Zuge kommen dürfen, zieht bei ­Caniden auch nicht, da auch in Rudeln von verwilderten Haushunden ­nachgewiesen ­wurde, dass gerade mal 20 – 30 % der Rüden und 30 – 50 % der Hündinnen zur ­Fortpflanzung ­kommen – ohne dass der Rest depressiv wird oder beim Thera­peuten landet …“
(Sophie Strodtbeck)

Zusammenfassung

“Kastration – bequem, aber für wen?
[…]
Damit spiegelt die Gesetzeslage durchaus auch den derzeitigen Stand der ­Wissenschaft wider: “Aus verhaltensbiologischer Sicht birgt die Kastration sowohl von Rüden (Udo Gansloßer in WUFF 12/2010) als auch von Hündinnen (Sophie Strodtbeck in WUFF 2/2011) mehr Risiken als Vorteile. Sofern man überhaupt von Vorteilen sprechen kann – denn den „genießen“ dann über­wiegend die Menschen, mit den Nach­teilen haben dann die Hunde zu kämpfen.“
(Maximilian Pisacane)

“Die Kastration eines Hundes ist somit nach der Einschränkung aller Ausnahmenormen des § 6 Abs. 1 S. 2 TierSchG bei der üblichen Tierhaltung in Deutschland nur in ganz wenigen Fällen erlaubt. Dies sollte jedem Hundehalter (auch jedem Tierarzt) bewusst sein.“
(Susan Beaucamp)


Die vollständigen Artikel zum Weiterlesen und Vertiefen:

Alle Artikel befinden sich auf der Webseite des Fachmagazins „WUFF“, abgerufen 12. März 2019

Die Kastration des Rüden aus verhaltensbiologischer Sicht
PD Dr. Udo Ganslosser
https://www.wuff.eu/wp/die-kastration-des-rueden-aus-verhaltensbiologischer-sicht/

Die Kastration der Hündin aus verhaltensbiologischer Sicht
Sophie Strodtbeck
https://www.wuff.eu/wp/die-kastration-der-huendin-aus-verhaltensbiologischer-sicht/

Kastration – bequem, aber für wen?
Maximilian Pisacane
https://www.wuff.eu/wp/kastration-bequem-aber-fuer-wen/

Die Kastration des Hundes – Eine juristische Betrachtung
Susan Beaucamp
https://www.wuff.eu/wp/die-kastration-des-hundes-eine-juristische-betrachtung/

Kastration – ja oder nein?
Dr. Hans Mosser
https://www.wuff.eu/wp/kastration-ja-oder-nein/

Die Kastration von Hunden aus rechtlicher Sicht
Lars-Jürgen Weidemann
https://www.wuff.eu/wp/die-kastration-von-hunden-aus-rechtlicher-sicht/

Krankheitsursache Kastration?
Dr. Hans Mosser –
https://www.wuff.eu/wp/krankheitsursache-kastration/

Die intakte Hündin, das unbekannte Wesen?
Sophie Strodtbeck –
https://www.wuff.eu/wp/die-intakte-huendin-das-unbekannte-wesen/

Vorheriger Beitrag
Deckmeldung C-Wurf
Nächster Beitrag
Wiedersehen mit Barthel

Letzte Posts